Zement ist das Fundament der Schweizer Infrastruktur – und steht zugleich vor einem tiefgreifenden Wandel. Die Branche hat ihre CO2-Emissionen seit 1990 halbiert, investiert in Kreislaufwirtschaft und neue Technologien und setzt auf Netto-Null. Dafür braucht sie jedoch verlässliche Rahmenbedingungen und faire Wettbewerbsbedingungen.

Ohne Zement geht nichts – leistungsfähige Infrastrukturen, solide Fundamente oder Staumauern sind ohne ihn undenkbar. Bereits die Römer bauten vor über 1900 Jahren das Pantheon mit Opus Caementitium – und es steht bis heute. «Die Faszination für diesen Baustoff ist ungebrochen», sagt Stefan Vannoni, Direktor von cemsuisse. In modernen Volkswirtschaften ist Zement unverzichtbar. Der Ausbau von Bahn- und Strasseninfrastruktur verschlingt Millionen Tonnen. Eine Autobahnbrücke oder ein Gotthard-Tunnel aus Lehm oder Holz ist schlicht unvorstellbar. Allein für die zweite Gotthardröhre wurden rund 300’000 Tonnen Zement benötigt. «Solche Grossprojekte zeigen: Eine stabile inländische Zementversorgung ist auch ein Faktor der nationalen Sicherheit. Gerade in unsicheren globalen Zeiten ist diese Unabhängigkeit von grossem Wert», betont Vannoni. Rund die Hälfte des Zements wird im Tiefbau eingesetzt. Die öffentliche Hand – Bund, Kantone und Gemeinden – ist damit der grösste Nachfrager. Die Liefermengen der Schweizer Zementindustrie sind seit Jahrzehnten bemerkenswert stabil. 2025 stieg die Liefermenge gegenüber dem Vorjahr um rund vier Prozent auf 3,7 Millionen Tonnen. Gleichzeitig ist die Branche vollständig unabhängig von ausländischen Rohstoffen. «Das macht die Schweizer Zementindustrie besonders krisenfest und robust. Wir müssen auch künftig unabhängig bleiben», fordert Vannoni.
Auf dem Weg zu Netto-Null
Die Reduktion der CO2-Emissionen ist ein KernThema der Zementindustrie. Dabei steht die Branche vor einer besonderen Herausforderung: Bei der Herstellung von Zement entsteht durch die Kalzinierung von Kalkstein und Mergel naturgemäss CO2. «Ein grosser Teil dieser Emissionen lässt sich im Prozess nicht vermeiden. Für die weitere Dekarbonisierung sind deshalb Technologien zur CO2-Abscheidung entscheidend», erklärt Vannoni. Dennoch hat die Branche ihre Emissionen seit 1990 bereits halbiert. Dazu beigetragen haben vor allem der verstärkte Einsatz alternativer Brennstoffe und die Reduktion des Klinkeranteils. Rund 80 Prozent der heute eingesetzten Brennstoffe stammen aus alternativen Quellen. 2025 entfielen rund 97 Prozent der Zementlieferungen auf klinkerreduzierte Zemente. Die Schweizer Zementindustrie nimmt international eine Vorreiterrolle ein.

Für die weitere Dekarbonisierung sind Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) unverzichtbar. Pro Zementwerk werden dafür Investitionen von rund 500 Millionen Franken erwartet. Gleichzeitig braucht es eine schweizweite Infrastruktur für den Transport und die dauerhafte Speicherung des CO2. «Ob Netto-Null 2050 erreichbar ist, hängt deshalb entscheidend von verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen und dem raschen Aufbau dieser Infrastruktur ab», so Vannoni. «CCS ist ein Generationenprojekt, das nur im Zusammenspiel von Industrie und Staat gelingen kann. Zudem drängt die Zeit.» Für die notwendigen Investitionen braucht die Branche Planungs- und Investitionssicherheit. «Bei der Klimafrage brauchen wir pragmatische und zielführende Lösungen, die unternehmerische Innovation fördern und die Wettbewerbsfähigkeit stärken», betont Vannoni. Dazu gehören auch faire Wettbewerbsbedingungen. Steigende CO2-Preise verteuern die Produktion in der Schweiz. «Wir benötigen gleich lange Spiesse mit ausländischen Produzenten.» Ein Grenzausgleich für Zement, wie ihn das Parlament derzeit diskutiert, könnte dafür sorgen.
Kreislaufwirtschaft und Innovation
Die Schweizer Zementindustrie reduziert den CO2-intensiven Klinker bereits heute so weit wie technisch möglich und setzt zunehmend auf Ersatzrohstoffe wie kalzinierten Ton. Auch beim Recycling nimmt die Schweiz eine Spitzenposition ein, so werden bis zu 85 Prozent des rückgebauten Betons wiederverwertet. Zudem testet die Branche Verfahren, bei denen Betongranulat gezielt mit CO2 angereichert wird. Abbruchbeton wird damit zum CO2-Speicher. Gleichzeitig muss Zement höchste Anforderungen an Qualität, Festigkeit und Dauerhaftigkeit erfüllen. Auch bei der Entsorgung problematischer Stoffe leistet die Branche einen Beitrag. In den bis zu 2000 Grad heissen Öfen der Zementwerke können PFAS-Verbindungen praktisch vollständig zerstört werden.
Auch bei den Brennstoffen besteht weiteres Potenzial. Die Zementindustrie nutzt heute zu rund 80 Prozent alternative Brennstoffe wie Altreifen, Altöl, Kunststoffe und Biomasse. Ihr Zugang ist für die weitere Dekarbonisierung entscheidend. Gleichzeitig werden in der Schweiz geeignete Brennstoffe in öffentlich-rechtlichen KVAs entsorgt oder teilweise deponiert. «Die Abfälle werden im Zementofen nicht nur energetisch genutzt, auch die mineralischen bzw. stofflichen Bestandteile fliessen direkt in den Zement ein», erklärt Vannoni. «Diese stofflich-energetische – und damit reststofffreie – Verwertung sollte deshalb auch behördlich konsequent ermöglicht werden.»
Standort Schweiz unter Druck
Die energieintensive Zementindustrie benötigt heute rund ein Prozent des Schweizer Stroms. Für Carbon-Capture-Anlagen wird künftig ein Vielfaches an zusätzlichem, CO2-freiem Strom nötig sein. Ob diese Mengen angesichts des steigenden Strombedarfs verfügbar sein werden, ist offen. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck. Steigen in der Schweiz und der EU die Kosten durch Regulierung und Emissionshandel, während Produzenten aus Drittländern diese Belastungen nicht tragen, droht eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Das gefährdet Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze und letztlich auch den Klimaschutz. Die finanzielle Dimension ist erheblich: «Allein um unter den geltenden Klimavorgaben bis 2034 weiter in der Schweiz produzieren zu können, muss die Branche bis zu eine Milliarde Franken aufwenden», sagt Vannoni. Investitionen in neue Klimatechnologien sind darin noch nicht enthalten. Ein Grenzausgleich für Zement könnte gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen und eine Abwanderung verhindern.
Für die anstehenden Investitionen braucht die Schweizer Zementindustrie deshalb stabile und verlässliche Rahmenbedingungen. «Für uns ist die Gewissheit entscheidend, auch künftig wettbewerbsfähig produzieren zu können», sagt Vannoni. Der Weg zu Netto-Null 2050 ist anspruchsvoll. Doch die Schweizer Zementwerke gehören bei der Entwicklung CO2-reduzierter Zemente international zur Spitze. Die Branche ist zuversichtlich, diese historische Aufgabe zu bewältigen – vorausgesetzt, die Politik bekennt sich klar zum Industriestandort Schweiz und schafft die nötigen Rahmenbedingungen.
Corinne Remund
Fundament für den Schweizer Werkplatz
Seit 1881 ist cemsuisse die Stimme der Schweizer Zementindustrie – heute mit sechs Werken, rund 800 Mitarbeitenden und klaren Zielen für die Zukunft.
Die erste Organisation der Schweizer Bindemittelindustrie – damals mit Zement-, Kalk- und Gipsproduzenten – wurde 1881 gegründet. Ein wichtiger Meilenstein folgte 1872: In Luterbach nahm das erste Zementwerk der Schweiz den Betrieb auf, gegründet von Robert Vigier. Mit der Entwicklung der Branche rückte die schweizweite Normierung von Zement und Kalk in den Fokus. 1997 wurde der Verband im Zuge einer Neuorganisation in cemsuisse umbenannt.
Interessenvertretung und Klimaziele
Heute vertritt cemsuisse die Interessen der Schweizer Zementindustrie gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Im Zentrum stehen verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen sowie ein starker Werkplatz Schweiz. Gleichzeitig setzt sich der Verband für hohe Branchenstandards und die ökologische Weiterentwicklung der Industrie ein. Mit der «Roadmap 2050» bekennt sich cemsuisse zum Netto-Null-Ziel und setzt auf Innovationen wie Kreislaufwirtschaft und CO2-Abscheidung (CCS).
Kompakte Struktur, starke Regionen
Dem Verband gehören die drei Schweizer Zementunternehmen Holcim Schweiz, Jura Materials und Vigier Ciments mit insgesamt sechs Zementwerken sowie die Kalkfabrik Netstal an. Damit repräsentiert cemsuisse die gesamte Schweizer Zementindustrie – einen hoch spezialisierten und kapitalintensiven Wirtschaftszweig. Die sechs Werke beschäftigen knapp 800 Mitarbeitende und können den gesamten inländischen Zementbedarf abdecken. Die hochqualifizierten und krisensicheren Arbeitsplätze sichern Wertschöpfung direkt in den Regionen.
CR




